Faszination Archäologie - Mystische Routen rund um die Steinzeit
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Wallanlagen

Burgen ohne Burg?

Nur allzu sehr ist der Begriff der Burg in unseren Köpfen mit hochherschaftlichen, zinnenbekrönten Wohnsitzen hochmittelalterlicher Territorialherren behaftet. Und so mag sich manch einer – etwa vor der Arkeburg (23) stehend - fragen, wo denn nun die eigentliche Burg sei.
Tatsächlich aber zeichnen sich Burgen durch ein weitaus vielschichtigeres, an den jeweiligen Entstehungszeitpunkt und –ort gebundenes Erscheinungsbild aus. Und so verstehen Archäologen unter Burgen nicht bloß jene Ehrfurcht einflößenden, zumeist steinernen Herrschaftssitze des hohen Mittelalters, sondern schlicht Plätze, die von einer Befestigungsanlage umrahmt wurden.

In der Wildeshauser Geest finden Sie einige beachtliche, überwiegend in das frühe Mittelalter zu datierende Anlagen. Den größten Veranschaulichungswert besitzt die „Hünenburg“ bei Twistringen (49), denn hier hat man unlängst das Eingangstor rekonstruiert.

Hünenburg bei Twistringen

Hünenburg bei Twistringen
Der 4 m hohe Heidenwall bei Delthun

Der 4 m hohe Heidenwall bei Delthun

Einheit in der Vielfalt: Typen und Nutzung

Das Baumaterial der Befestigungsanlagen ist sehr unterschiedlich beschaffen. Einige wurden aus massivem Stein gebildet, andere aus simplen Holz-Erde-Konstruktionen – die Wildeshauser Geest verfügt mehrheitlich über letztgenannten Typus. Viele Anlagen weisen raffinierte, durch Gräben voneinander getrennte Wallsysteme auf, die einem zumeist kreisrunden oder elliptischen Grundriss verpflichtet waren.
Je nach Entstehungszeitpunkt und Funktion variierte die Bebauung innerhalb der Wallanlagen erheblich: Der spätmittelalterliche Syker Burgwall (45) etwa umschloss vom Schweinestall bis zum hochherrschaftlichen Hauptgebäude zahlreiche Bauten. Gleichwohl entstanden sie im Zeitraum mehrerer Jahrhunderte. In der frühmittelalterlichen Hünenburg unterdessen stießen Archäologen lediglich auf Spuren schlichter Pfostenbauten. Für die – möglicherweise eisenzeitliche - Arkeburg hingegen konnte bis heute überhaupt keine Bebauung nachgewiesen werden.

Bei aller Vielfalt des Erscheinungsbildes bestand eine deutliche Einheit in der Schutzfunktion. Doch vor wem schützte man sich eigentlich? Hier musste die jüngere Forschung althergebrachte Klischees revidieren. Keineswegs ging es primär um die Abwehr fremder Eindringlinge, beispielsweise der Wikinger oder der Ungarn. Vielmehr waren die Funktionen mannigfaltig: Die Burganlagen dienten u.a. als Stützpunkte zur Wegekontrolle, als Grenzburgen und tatsächlich auch als Ort der Zuflucht. Vor allem aber sind sie als Zeichen innergesellschaftlicher Prozesse lesbar: Zwar avancierten Burgen erst im hohen Mittelalter zu territorialen Verwaltungssitzen bzw. zu Wohnsitzen des Adels. Dennoch wurden bereits die frühen Burgen vermutlich zur Machtsicherung und –ausübung instrumentalisiert. So lässt sich etwa die Entstehung der Goldenstedter Arkeburg auf den Einflussbereich der Familie Widukinds zurückführen.