Faszination Archäologie - Mystische Routen rund um die Steinzeit
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Vielfältige Steine: Grabtypen

Mit verhältnismäßig kleiner Grabkammer und einer deutlich großzügiger bemessenen Steineinfassung repräsentieren die „Großen Steine“ (48) bei Kleinenkneten einen in der Wildeshauser Geest weit verbreiteten Grabtypus, der sich u.a. auch bei Visbeker Braut (55) und Bräutigam (30) oder der Glaner Braut (56) finden lässt. Diesen Typus nennt man „Hünenbett“.

Grabtypen im Raum Weser-Ems

Grabtypen im Raum Weser-Ems:
1. Grabkammer in großzügig bemessener, rechteckiger Einfassung (Hannoversche Kammer)
2. Grabkammer in ovaler, eng anliegender Einfassung (Emsländische Kammer),
3. Ganggrab ohne Einfassungssteine,
4. Trapezförmige Grabkammer,
5. Grabkammer in einem Erdhügel
(Fansa, Mamoun: Großsteingräber zwischen Weser und Ems. Oldenburg 2000)

Einen zweiten, für die Region charakteristischen Typus, die so genannte „Emsländische Kammer“, können Sie hingegen u.a. bei den „Hohen Steinen“ (50) nahe Wildeshausen besichtigen. Bei diesem Typus wird eine relativ lange Kammer von einer unwesentlich größer ausgebildeten Steinumfassung gerahmt. In der Wildeshauser Geest gibt es auch einige Gräber, die gänzlich ohne Einfassung auf ovalem oder trapezförmigem Grundriss errichtet wurden. Zu ihnen zählen u.a. der „Heidenopfertisch“ (51), der „Brautwagen“ (30) oder die Ahlhorner Kellersteine (31). Auch finden Sie in der Region Gräber, die tief in einem Rundhügel verborgen sind - das Grab Nr. 935 (30) nahe des Visbeker Bräutigams beispielsweise.

Verbaute Steine: Zur Vernichtung der Großsteingräber

Zu allen Zeiten waren Großsteingräber menschlicher Zerstörung ausgesetzt. Zunächst boten die Angst einflößenden, schaurigen Mythen und Erzählungen noch einen gewissen Schutz. Nur wenige wagten sich, an die geheimnisvollen, urgeschichtlichen Bauwerke heranzutreten – die Sage von den Kellersteinen belegt dies deutlich. Doch mit dem zunehmenden Wissen um die tatsächliche Funktion verloren die jungsteinzeitlichen Grabanlagen den Ruch des Mystischen und Verbotenen. Zusehends häufiger fielen sie der Zerstörung anheim. Sie wurden im Boden vergraben, da sie Landwirten bei der Bewirtschaftung der Felder im Wege standen. Sie wurden an die Küstenregionen verkauft, um ein klägliches Dasein im Deich- oder Hafenbau zu fristen. Sie wurden gesprengt, um als Straßenschotter zu dienen. Und schon im Mittelalter wurden sie in einem gleichsam symbolischen Akt zerschlagen, um das vermeintlich frevelhafte heidnische Baumaterial zur Errichtung stolzer Kirchen umzufunktionieren.

Angesichts der grassierenden Zerstörungswelle beschloss man im Oldenburger Raum bereits im frühen 19. Jahrhundert, die Gräber unter Schutz zu stellen. Dieser verhältnismäßig frühzeitigen Unterschutzstellung ist es zu danken, dass sich in der Wildeshauser Geest besonders viele jungsteinzeitliche Grabmonumente erhalten haben. Gleichwohl muss man auch hier von einer ursprünglich deutlich höheren Anzahl ausgehen. Die Reckumer Steine (37) etwa sind die letzten beiden erhalten Megalithgräber einer ehemals größeren Gruppe. Und auch der Wohnplatz Hölingen besaß früher mehrere Großsteingräber. Wahrscheinlich fielen sie der Errichtung der Harpstedter Friedhofsmauer zum Opfer.

Mittig gesprengter Deckstein der Ahlhorner Kellersteine

Mittig gesprengter Deckstein der Ahlhorner Kellersteine, östliches Grab
Sprengspuren eines Umfassungssteines des Kleinenkneter Hünenbettes II

Sprengspuren eines Umfassungssteines des Kleinenkneter Hünenbettes II

Selbst die erhaltenen Großsteingräber bezeugen nicht unerhebliche Übergriffe: Die westliche Schmalseite des Kleinenkneter Hünenbettes II (48) weist ebenso deutliche Spuren einer geplanten Sprengung auf wie das Großsteingrab bei Stenum (20). Noch im frühen 20. Jahrhundert gesprengt werden sollte ein Deckstein der Ahlhorner Kellersteine (31). Erst nach vollzogener mittiger Sprengung besann man sich eines besseren und beließ ihn an seinem ursprünglichen Platz. Heute mutet er als Mahnmal mutwilliger Zerstörung urgeschichtlicher Hinterlassenschaften an.

Insbesondere die leicht entfernbaren Decksteine stellten in der Vergangenheit ein begehrtes Baumaterial dar. Die Großsteingräber bei der Ostsiedlung Ahlhorn (29), beim Biohof Bakenhus (28) und bei Huntlosen (27) sowie Grab III der Steinkimmer „Hünensteine“ (17-19) bezeugen dies eindrucksvoll. Die Findlinge letztgenannten Grabes fanden übrigens eine besonders bemerkenswerte Wiederverwendung: Sie wurden von Grab zu Grab (Etta Bengen) getragen und dienten als Fundament des Oldenburger Mausoleums für die Herzogin Friederike von Holstein-Gottorp.

Sprengloch des Großsteingrabes bei Stenum

Sprengloch des Großsteingrabes bei Stenum
Mausoleum der Herzogin Friederike von Holstein-Gottorp

Mausoleum der Herzogin Friederike von Holstein-Gottorp,
Gertrudenfriedhof

Missbrauchte Steine: Zur politischen Vereinnahmung von Großsteingräbern

Wer kennt sie nicht, die romantisch-verklärten Großsteingrab-Darstellungen des Malers Caspar David Friedrich (1774-1840)? Deutlich von jener monumentalisierenden Sicht inspiriert, fertigte auch der Oldenburger Hofmaler Ludwig Philipp Strack im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Lithographien von den, wie er sie nannte, „Heidnischen Denkmalen“ der Wildeshauser Geest an.

Visbeker Bräutigam, Lithographie Ludwig Philipp Strack

Visbeker Bräutigam, Lithographie Ludwig Philipp Strack
(1827, Stadtmuseum Oldenburg)

Das sich in der bildenden Kunst niederschlagende, wiederentflammte Interesse an Großsteingräbern wurde rasch von einem ausgeprägten Patriotismus begleitet. Ungeachtet ihrer wahrhaftigen internationalen Verbreitung avancierten Großsteingräber zu zentralen Sinnbildern nationaler Identität. Auch die relativ frühzeitige Unterschutzstellung der Großsteingräber im Oldenburger Raum ist anteilig in diesem Kontext zu sehen. Vor allem Pastor G.W.A. Oldenburg (1773-1854), der als einer der wichtigsten Fürsprecher der Unterschutzstellung gilt, machte aus seiner patriotischen Motivation keinen Hehl. Er schwärmte von den Erbauern der Großsteingräber, die seiner Ansicht nach zwar „roh und ungebildet“ gewesen sein, aber für die „Freyheit des Vaterlandes ... alles freudig aufzuopfern“ bereit gewesen seien. Er riet daher dringend, die Denkmäler als „wohlthätige Erinnerung an die Kraft der Väter“ für die Nachkommen zu erhalten. Zur Vervollständigung der „deutschen Idylle“ empfahl er die Anpflanzung von seinerzeit nicht minder als Deutschtums-Symbol zelebrierten Eichen. Der „Heidenopfertisch“ (51) kündet noch heute von diesem, bis ins 20. Jahrhundert reichenden Ideal.

Vor dem Hintergrund der damaligen politischen Zerrissenheit des Landes mag die patriotische Umdeutung von Megalithgräbern ansatzweise verständlich erscheinen. In den darauffolgenden Jahrzehnten setzte sich jedoch zunehmend eine nationalistisch-rassistische Komponente durch. Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren Großsteingräber das Lieblingsmotiv reaktionär Gesinnter und im Nationalsozialismus erreichte die politische Indienstnahme der vorchristlichen Grabstätten im Sinne abstruser völkisch-rassischer Ideologie einen absoluten Höhepunkt. Ihrer gänzlich ungermanischen Provenienz ungeachtet, missbrauchte man sie als vermeintlich „germanische Denkmäler“, zelebrierte sie im Zuge der menschenverachtenden „Blut- und Bodenideologie“ als Urkeim deutschen Bauerntums. Die mit Hilfe des Reichsarbeitsdienstes durchgeführten Grabungs- und Rekonstruktionsarbeiten bei den „Großen Steinen“ von Kleinenkneten (48)sind hierfür nur exemplarisch aufzuführen.

Die in klammern gesetzten dreistelligen Zahlen bei den nachfolgenden Gr0ßsteingrab-Beschreibungen beziehen sich auf Sprockhoff, Ernst (Hg.): Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Bd. 3: Niedersachsen und Westfalen. Bonn 1975



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